Honigmelone

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Die usbekischen Melonen haben sich auf den Weg gemacht, … in Richtung Europa. Davon habe ich vor kurzem erfahren. Aber, dass ich einige davon sehr bald in Deutschland treffen werde, habe ich nicht gedacht. Gestern ging ich in einen Laden in Saarbrücken und was sehe ich dort?

Unsere „Zuckermelonen“!

 

Anfang dieses Monats wurde berichtet [1][2], dass Usbekistan Honigmelonen in die europäische Länder exportieren wird. Deswegen, als ich die Honigmelonen sah, war es nichts völlig Unerwartetes für mich. Allerdings habe ich mich sehr darauf gefreut, dass unsere Honigmelonen jetzt greifbar nah waren. Unbeachtet des Preises…

… fing ich an, die Melonen abzuklopfen, aufzuheben und daran zu riechen. Aber es war schwierig, eine auszuwählen. Denn ich hatte keine große Auswahl. Es gab keinen Berg von Honigmelonen, wie es in Usbekistan üblich ist. Zum Angebot lagen nur 8 Honigmelonen. Außerdem konnte man von deren Gesichtern ablesen, dass sie einen sehr langen Weg hinter sich hatten. Sicherheitshalber wählte ich mir eine kleinere aus. Die Kassiererin hat vorsichtshalber noch einmal auf den Preis angedeutet: „Der Preis ist für ein Kilo angegeben, ja?“. „Unsere Honigmelonen sind es wert“, sagte ich … zu mir selbst.

 

Tatsächlich kostete die Honigmelone eine Menge Geld. Während andere Melonen für 2 Euro pro Stück angeboten wurden, verkaufte man usbekische Melonen für mehr als eineinhalb Euro pro Kilo. Preisschild über die Melonen stimmte nicht ganz und an der Kasse wurde mir 1,69 Euro pro Kilo berechnet. Auf dem Weg nach Hause dachte ich nur: „Hoffentlich stimmt der Geschmack mit dem Preis überein“.

Ganz nach dem alten Regel „Isst du Honigmelone, dann tue es frühmorgens; Gift ist zweifelsohne, isst du sie außer morgens[*] habe ich die Melone für morgen früh weggelegt.

Und heute Morgen zum Frühstück schnitt ich also die Melone auf. Aus der Melone kam der Duft der Heimat heraus. Ich fühlte mich für eine Sekunde wie in Usbekistan. Ich servierte schön eine Scheibe auf dem Teller. Traditionsgemäß mit dem letzten Stück, das nach dem Schneiden in meiner Hand geblieben war, kostete ich endlich selbst. Wie erwartet war die Melone zuckersüß.

 

In Bukhara, meinem Geburtsort, nannten wir solche Melonen „Zuckermelonen“. Isst man ein Stückchen, gibt es immer einen knackigen Ton von sich, weil das Fruchtfleisch anscheinend sehr dicht ist. Aber so ein knackiges Geräusch fehlte bei meiner Melone (es gab ein Geräusch, aber das war sehr leise). Es war ja kaum zu erwarten, dass eine Honigmelone, die einen mühsamen Weg von Usbekistan bis nach Deutschland durchgemacht hat, von sich noch einen Ton gibt. Ich war sehr dankbar, dass die Melone trotz allem ihren Geschmack behalten hatte. Nach dem Genießen bedankte ich mich dann, wie es bei uns immer üblich war, „bei dem Bauern, beim Verkäufer, bei dem, der sie aus dem Markt mitgebracht hat“, und zusätzlich noch bei denen, die sie bis nach Europa gebracht haben, sowie am Ende bei denen, die sie genossen haben.

Obwohl sie etwas mehr gekostet hat, schmeckte aber unsere Honigmelone ganz besonders gut. Als wir kein waren, mochten wir die Melone wie ein „Kamelchen“ zu essen. Nun diesmal machte ich mir auch so ein „Kamelchen“ und erinnerte ich mich an mein Dorf.

Wenn man über Honigmelonen spricht, sollte man unbedingt an Zahiriddin (Zahir ad-Din) Muhammad Babur denken. Er liebte wohl die Melonen so sehr, dass er in seinem einzigartigen Werk „Baburname“ öfters über Honigmelonen schrieb. Bei den Beschreibungen der Gebiete von Movarounnahr (Transoxanien; heutige Usbekistan) richtete Babur seine besondere Aufmerksamkeit auf die Honigmelonen der beschriebenen Regionen. So schrieb er an einer Stelle in Baburname:

Zahiriddin Muhammad Bobur [4]

„Die Früchte dort sind viel und gut. Im ganzen Movarounnahr gibt es nirgendwo so viele und schöne Honigmelonen wie in Bukhara. Vergleicht man die Honigmelone aus dem Achsi der Ferghana Region, die ‘Timuri‘ heißt, so ist sie ein wenig sauer und etwas weicher als die hiesigen. In Bukhara gibt es von jeder Art der Honigmelonen sehr viel und sie sind gut“ [3].

Zwar legte Babur Mirza in Indien den Grundstein zu einem großen Reich, aber nichts konnte seine Sehnsucht nach seiner Heimat befriedigen. Er baute in Indien Gärten, wo auch aus seiner Heimat Andidschan mitgebrachten Honigmelonen und Trauben gezüchtet wurden. Trotzdem konnte weder der Duft noch der Geschmack dieser Früchte sein Heimweh befriedigen.

Über solche Heimwehmomente schreibt Babur:

„Melancholie und Trauer herrscht im Herzen stets;

Die Melonen und Trauben vermisse ich jetzt.

Aus Verlangen nach laufendem Wasser

Fließt nun aus den Augen das Wasser“. [**]

 

PS. Sie denken wahrscheinlich, dass ich die Melone alleine verspeist habe. Nein, ich habe sie natürlich mit den anderen geteilt :-)

Da mir derzeit meine super Kamera fehlte, musste ich die Fotos mit meinem Handy aufnehmen. Deswegen waren die Fotos nicht so gut wie der Geschmack der Honigmelone.

 

_____ Erläuterungen _____

[*] Da sich in usbekischer Sprache diese Redewendung reimt, habe ich auch hier versucht, diese literarisch zu übertragen. Hoffentlich hat es gelungen. Mit einfachen Worten bedeutet die Regel, dass man die Honigmelone am besten frühmorgens essen sollte. Sonst wird sie wohl dem Körper schaden.

[**] Aus dem Usbekischen ins Deutsche sinngemäß übertragen von Samandar Atoev (d.h. von mir)

 

_____ QUELLEN _____

[1] Узбекистан намерен увеличить экспорт бахчевых

[2] Узбекские производители наладили экспорт дынь в страны Евросоюза

[3] Baburname. Babur, Zahiriddin Muhammad. „Yulduzcha“ Verlag 1989-yil, S. 47

[4] Das Bild von Babur: O‘qish kitobi. Umumta’lim maktablarining uchinchi sinfi uchun darslik. M. Umarova, SH. HAKIMOVA. Cho‘lpon nashriyoti, Toshkent-2008